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Wie ein Iglu zum Wunderort wird
«Igloo»-Premiere in der Kaserne

· Wer die CD-Taufe von «Stimmhorn» am Samstag verpasst hat, sollte sich ins Théâtre Vidy Lausanne begeben. Die Reise wird sich lohnen.

Was die zwei Köpfe des «Stimmhorn»-Duos, Christian Zehnder und Balthasar Streiff, mit dem Audiodesigner und Elektrotüftler (Tomek Kolczynski) aus ihrer warmen, geschützten Werkstätte hervorbringen, ist atemberaubend. Der Abend beginnt mit einer sehnsüchtigen Obertongesangs-Nummer von Christian Zehnder. Nonverbal, aber unmissverständlich saust und zäuselt Zehnder mystische Melodienfragmente und öffnet so den Raum für den Blasmusikkünstler Balthasar Streiff und für «kold», den Mann hinter dem Elektronikdeck.

Verspielt aber ernsthaft, stets mit dieser ganz und gar leichten Ironie, bezirzt Streiff mit Alphörnern, Trompeten, dem Cornet oder der Tuba und wagt den Spagat zwischen volkstümlich anmutenden und schräg-jazzigen Einlagen. Gleichzeitig greift Zehnder zum Bandoneon oder zur Bandurria, jodelt, jauchzt, trullert und summt und startet einen Dialog mit den Blasinstrumenten seines Kollegen. Der Sänger klagt mit komischer Grimasse über das nicht enden wollende Echo. Ein Glücksfall für «Stimmhorn» ist der Einbezug des Musikers «kold electronics» (Tomek Kolczynski). Was im Rahmen dieses gemeinsamen Projektes «igloo» an den Tag gelegt wird, ist an Experimetierfreudigkeit und Kreativität jenseits der Konventionen, ist an Spiel, Spass und Spannung kaum zu überbieten.

Mit Leichtigkeit und Präzision vermag «kold» mit ungewöhnlichen Beats den Gesang Zehnders zu untergraben. «Kold electronics» überrascht mit Loops, etwa aus Pferdegeräuschen oder Kinderchören, und als Kolczynski gar Zehnders Stimme sampelt und daraus am Laptop einen Beat improvisiert, können sich auch die drei performenden Männer ein Lächeln nicht verkneifen. Es ist diese spielerische Selbstverständlichkeit, verbunden mit Präzision und Einfallsreichtum, was sowohl die Performance, als auch die getaufte CD unvergesslich macht. Kurz: «Igloo» ist ein kleines Wunder.
[Gabriel Vetter, Basler Zeitung; 06.09.2004]

Au Théâtre de Vidy, Stimmhorn dresse
un «Igloo» de rêves inouïs
La rumeur les promettait polaires, abrités sous un dôme de fortune. Libres comme l'air sur la scène de Vidy mercredi, les trois de Stimmhorn se passent aisément de tout décorum ajouté. Car cet igloo qu'annonce l'intitulé du spectacle ne vaut que pour l'horizon dégagé qu'il ouvre à l'imaginaire de ses occupants. Limité à trois cercles symbolisant l'aire élastique de chaque musicien, le dispositif scénique n'entend pas porter ombrage au spectacle naturel qu'offre la rencontre de leurs explorations buissonnières.

Naguère concentrée sur le binôme acoustique de Balthasar Streiff (cor des alpes, cuivres) et Christian Zehnder (chant diphonique, accordéon), l'alchimie de Stimmhorn s'enrichit d'un élément perturbateur. Percussionniste, pianiste et dresseur de puces électroniques, Tomek Kolczynski, alias Kold Electronics, galvanise les pistes lyriques du duo d'origine. Qu'il pianote une basse en tapinois, lance des samples concrets, joue du steel drum ou improvise un solo d'orgue très «cocktail lounge», toutes ses interventions inoculent un virus danseur et penseur dans la franche harmonie païenne de Stimmhorn. Aiguillonné par ces injections urbaines, le lyrisme rural du duo prend la poudre d'escampette, se découvrant un nouvel équilibre rêveur au terme de cette poursuite haletante. Et l'igloo pyramidal qu'ils inventent à six mains retentit de voix inouïes, comme échappées tour à tour d'un western balkanique, d'un bar de nuit bruxelloise ou d'une bacchanale antique réincarnée sur la lune.
[Nicolas Julliard, Le temps, Vendredi 10 septembre 2004]

Aux anges
A Vidy, Stimmhorn laisse échapper de son Igloo un feu d’artifice musicale.

On ne se hasadera pas à une explication technique. Gardons l’oreille du béotien: la voix de Christian Zehnder est capable de prouesses ahurissantes. Point de solo pour épater la galerie: son chant diphonique est en osmose avec les notes de Balthasar Streiff (cor des Alpües, trompette baroque, corne de chèvre, entre autres) et celles de Kold electronics, alias Tomek Kolczynski, qui bidouille différents claviers. La grande salle du théâtre de Vidy accueille leur spectacle, Igloo: une ampleur idéale pour nlaisser résonner cette constellatione sonore unique en son genre.

Les morceaux de Stimmhorn entraînent l’auditeur en des confis alpestres ou cosmiques, chahutant le temps: beats contemporains et méldies ancestrales. Certaines compositions pourraient servir de bande-son à un éventuel Alien 5 et d’autres faire fureur le week-end dans les boîtes les plus branchées. Tout est contraste: l’ombre et lala lumière, la douceur et la sauvagerie, l’étrangeté et la cocasserie.
Cosmique, mais encore caustique, grâce au mème Christian Zehnder, corps souple de danseur, gorge en feu et youx étincelants, pas moins virtuose de l’accordéon suspendu et du bandonéon. Il semble interpréter on ne sait quel personage, et parfois plusieurs en seul morceau. L’ultime bis, acoustique, vendredi soir, a fini par enchanter définitivement un public aux anges, batant des ailes, pardon, des mains, avec passion.
[M.Cy, 24 Heures, 10.9.04]

Stimmhorn
Am Anfang war die Melkmaschine. Zwei Musiker nahmen sich ihrer an, bauten einen Sequenzer daraus und schlossen ihn an Orgelpfeifen an. Ein neues Instrument war geboren, eine Musikmaschine, die wohl nur im Alpenland erfunden werden konnte und die doch – so die Musiker – so fremd darin steht «wie die akkordarbeitende Melkerin im althergebrachten Bauerntum». Es folgten weitere Instrumente, allen voran Neu- und Umbauten des alpenländischen Symbols schlechthin, des Alphorns. Wenn Balthasar Streiff und Christian Zehnder als Duo «Stimmhorn» Musik machen, dann winden und strecken sich die Blasrohre meterlang über die Bühne, zwei grosse silbrige Kugeln wölben sich wie Kürbisse aus den Klangtrichtern des «Doppelalphorns» und an Staubsauger erinnernde Gerätschaften warten auf ihren Einsatz. Unterdessen stimmt Christian Zehnder zum Klang seines «Wippkordeons» einen inbrünstigen Gesang an. Das geht merkwürdig unter die Haut, tief bis ins Mark und rüttelt irgendwo an den Urgründen archaischer Musikerfahrungen. Und doch ist die Irritation gross. Was zum eidgenössischen Kuckuck tun die beiden denn da? Ist das ein neumodischer Alpsegen? Und dann diese Verbindung von Jodel und Obertongesang. Authentisch ist das ja wohl nicht. «Nein, mein Jodel hat nichts mit der Schweiz zu tun», bestätigt Christian Zehnder, «man jodelt ganz ähnlich in Simbabwe, aber sicher nicht in der Schweiz.» Und Balthasar Streiff bläst zwar die Alphörner, aber nicht so, wie die Tradition es vorschreibt. «Das Alphorn ist ein Vehikel, das Tradition impliziert», sagt er, «und wir benutzen das auch als Vehikel». Also ist alles nur ein Schwindel, im besten Fall eine Art ironische Selbstverschaukelung? Aber ganz so einfach ist es auch wieder nicht. Um Komik, gar um Kabarett geht es den beiden gar nicht – auch wenn man, wie Zehnder sagt, «diesen Weg nur mit einer Portion Selbstironie beschreiten kann». Das Skurrile, das ihrer Musik und den theatralisch unterfütterten Auftritten zweifellos anhaftet, es entsteht gleichsam unabsichtlich, so wie die Molke beim Käsemachen.

«Früher hab ich immer gesagt, ich kann Blues spielen, ich kann Tango spielen und diesen oder jenen Stil. Das wird aber nicht als authentisch wahrgenommen», umreisst Zehnder seinen musikalischen Ausgangspunkt. «Bestenfalls heisst es dann: Oh, für einen Schweizer macht er aber guten Blues! Irgendwo fehlt diese Seelenverwandtschaft – das, was man vielleicht als Heimat bezeichnen könnte.» Auch wenn es zunächst keine bewusste Entscheidung war, wozu Zehnder und Streiff dann aufbrachen, war die Suche nach dem eigenen Blues. Und den wollten sie einmal nicht in anderen Kulturen finden. «Wir machen eigentlich eine Recherche bei uns zu Hause.» Dass es dabei nicht so sehr um die Rekonstruktion verschütteter Brauchtümer, eher schon um das «Generieren zukünftiger Traditionen» geht, versteht sich. «Jetzt können wir nach England, nach Amerika, egal wohin gehen – wir haben Identität. Auch wenn es nicht als Volksmusik wahrgenommen wird und meine Art von Jodel auch nicht <Schweiz> im engeren Sinne ist, irgendwo ist es doch urschweizerisch. Und plötzlich wird man ernst genommen. Das ist schon verrückt.»

Nicht Schweiz und doch urschweizerisch – mit diesem Paradox lässt sich «Stimmhorn» tatsächlich treffend umschreiben. Wohl schon die Eigensinnigkeit ihrer Musik lässt sich als urschweizerisch begreifen: «Wir sind ein Volk der Talschaften. Uns beiden wird nachgesagt, wir seien wie zwei Sennen, die von einem abgeschiedenen Tal kommen und ohne Kontakt zum Nebental so vor sich hin leben. Das hat natürlich etwas Schweizerisches. Alles ist sehr klein, und in diesem Kleinen entstehen eben sehr kauzige, sehr eigensinnige Sachen.» Und es braucht auch diese Enge, findet Zehnder, damit überhaupt eine Energie entstehen kann, die zum Befreiungsschlag drängt. «Ich muss immer an Roman Signer denken, diesen Bildenden Künstler, der viel mit Sprengungen arbeitet. Er lebt im Appenzell, wo es wahnsinnig eng ist, und macht dort seine Sprengungen. Es ist wie ein Bedürfnis auszubrechen. Und was er macht, ist so absurd und zugleich so befreiend.»
Was aber sieht man, wenn rundherum die Alpen weggesprengt sind, wenn der Blick frei über den Globus streifen kann? Man erkennt wohl die Parallelen zwischen der eigenen und anderen Kulturen, erkennt beispielsweise, dass das Jodeln eine Urform des Gesangs ist. «Im Appenzell gibt es diese Holzfällergesänge», erzählt Streiff, «das sind ganz wunderbare Jodel. Und in Japan gibt es genau dasselbe. Aber haargenau dasselbe, und es ist urjapanisch!». Das charakteristische Merkmal des Jodelns ist das kicksende Kippen des Brust- in das Kopfstimmenregister. Man nennt es Glottisschlag, und «der Glottisschlag», so Zehnder, «ist auf der ganzen Welt vorhanden. Das Kippen, das ist etwas zutiefst Menschliches. Es ist etwas Archaisches. Und gerade diese archaischen Dinge, die uns passieren, werden ja oft kultiviert.» Japan ist nicht das einzige Beispiel, das die beiden kennen. «In Indien», weiss Streiff, «gibt es eine Extremform des Glottisschlags. Da hat man richtig das Gefühl, der Kehlkopf schaut zum Mund raus.» Zehnder wiederum erzählt von seiner Schwägerin in Amerika, der er eine Aufnahme geschickt habe – mit eigenen Jodlern und mit Pygmäengesängen. «Sie fand da keinen wesentlichen Unterschied».
Auch die ursprünglichen Funktionen des Jodelns ähneln sich untereinander. Ob in Japan, in Schweden, bei den Eskimos oder im Alpenland: Mit Jodler, Alpschrei oder Juchzer liess sich über grössere Distanzen hinweg kommunizieren. Das schwedische Kulning beispielsweise, ein Schreigesang, wurde von Frauen eingesetzt, um Kühe, Schafe und Ziegen zusammenzurufen, um Raubtiere abzuhalten oder um sich über grosse Entfernungen hinweg vernehmbar zu machen. Denn oft waren die Sennerinnen im Sommer allein in einer Hütte, um das Vieh zu versorgen. Von hier aus ist auch der Weg zum Alphorn nicht mehr weit. «Man nimmt an, dass die Hörner – nicht nur das Alphorn – entstanden sind, weil man die Stimme lauter machen musste», erklärt Streiff. «Und im Grunde machen die Lippen ja auch genau dasselbe wie die Stimmbänder, und das Horn ist der Mund- und Rachenbereich. Wenn man so will, ist Hornspielen wie artifizielles Singen.»

Neben dem Jodeln und neben dem Hornspiel gehört auch noch der Obertongesang zu den musikalischen Grundelementen von «Stimmhorn». Der Obertongesang macht sich die Tatsache zunutze, dass jeder gesungene Ton eigentlich aus einer Vielzahl an Tönen besteht – einem Grundton und etlichen Obertönen, die aber nicht unmittelbar wahrgenommen werden. Mit der Technik des Obertongesangs filtert der Sänger einzelne Obertöne heraus, macht sie hörbar und kann auf diese Art zweistimmig singen. Der Effekt ist verblüffend und man kann sich gut vorstellen, dass das Phänomen zweier Stimmen aus einem Mund vielen Menschen wie eine göttliche Offenbarung vorgekommen sein muss. Jedenfalls wird der Obertongesang – auch er ist in vielen Kulturen vorhanden – meist in religiösen Zusammenhängen praktiziert. Nur in der Mongolei, so Zehnder, ist er zu einem Bestandteil der Volksmusik geworden. Zehnder selbst hat die Technik von einem Zen-Meister gelernt – auch in japanischen Klöstern wird der Obertongesang praktiziert. Bei der Begegnung mit mongolischen Sängern hat sich Zehnder ebenfalls vieles abgelauscht. «Nachher hab ich alles gesucht, ich war bei Michael Vetter und solchen Leuten, aber das war alles furchtbar. Viel zu esoterisch. Furchtbarer Mist.» Nein, zum esoterischen Ungefähr neigt die Musik von «Stimmhorn» tatsächlich nicht.

Für ihr neuestes Projekt «igloo» haben Zehnder und Streiff einen dritten Mann mit an Bord genommen, den Elektronikmusiker Tomek Kolczynski, kurz: «kold electronics». Die Urschweiz wird verkabelt. Doch in der Musik von «Stimmhorn» wirkt die Konfrontation von Archaik und Digitalisierung gar nicht mal fehl am Platz. Zumal Kolczynski im Grunde ähnlich puristisch vorgeht wie «Stimmhorn» selbst: «Auch ich versuche, mit der Elektronik sehr reduziert zu arbeiten. Natürlich hat sich auch manches verändert. Plötzlich nimmt man Puls wahr, sind Rhythmen da, die vorher nie da waren. Aber die Musik ist immer noch Stimmhorn.» Und die lebt ja nicht zuletzt von Spannungen und Widersprüchen.
[Elisabeth Schwind, nzz, 5.09.04]